Themen wie digitale Transformation, Digitalisierung oder Big Data sind für uns als Business Intelligence Berater kein Neuland. Täglich setzen wir uns mit der digitalen Datenaufbereitung und Informationsauswertung auseinander. Diese Themen spielen aber nicht nur in unserem Berufsfeld eine große Rolle, sondern sind längst Bestandteil unseres Alltags. Wir haben zur Insight 2016 mit Ranga Yogeshwar gesprochen, der sehr anschaulich beschreibt, wie sich unsere Gesellschaft gerade verändert und welche Herausforderungen dabei auf uns zukommen.

 

In Ihrem Vortrag sprechen Sie über die „Sinnformationsgesellschaft“. Was kann man sich unter dem Begriff vorstellen?

Wir merken alle, dass sich diese Welt dramatisch ändert. Das merkt man z.B. wenn man mit Orthopäden spricht. Sie stellen fest, dass es eine sonderbare neue Verformung beim Homo Digitalis gibt. Der Mensch von heute blickt ständig auf sein Smartphone und läuft mit gebückter Kopfhaltung durch die Welt. Das ist nicht nur in Deutschland oder den USA so. Ich war gerade in China und wenn man in Beijing U-Bahn fährt, erkennt man das identische Phänomen. Smartphones sind inzwischen ein Teil unseres Körpers und die digitale Kultur ist ein globales Phänomen. Wir erleben dass diese digitale Transformation jeden Bereich unseres Lebens ergreift. Auf dem Weg zu dieser Veranstaltung fuhr ich zum Beispiel an Werbeplakaten von Paarship.de vorbei. Die Suche nach einem Lebenspartner wird mit Hilfe von Algorithmen gesteuert. Hierdurch soll der optimale Partner gefunden werden. Und auch bei der Kommunikation hat die digitale Kultur vieles verändert. Durch  WhatsApp stehen Eltern und Kinder in ständigem Kontakt und selbst wenn die Tochter in ein fernes Land reist ist sie per Skype erreichbar.

Bei den Unternehmen ändert sich die Kommunikation ebenfalls. Durch das Internet ist eine Transparenz der Produkte entstanden. Nie zuvor konnte man Produkte unmittelbar miteinander vergleichen. Nie zuvor waren Preisvergleiche in der Dimension möglich. Nie zuvor wurde in einer Gesellschaft ein Prozess geprägt bei dem die „Sofortness“ eine Rolle spielt. Alles was wir bestellen, soll auf einmal morgen da sein. Das alles verändert nicht nur unseren Lebensinhalt. Es verändert uns! Bei meinem Vortrag geht es daher um die Wechselwirkung zwischen Innovation und unserer Kultur. Das ist sehr spannend, denn die digitale Transformation ist eben nicht alter Wein in neuen Flaschen, sondern verändert uns als Individuen und als Gesellschaft. Da verändert sich vieles radikal. Sogenannte Bottom-Up Prozesse werden wichtiger. Der Kunde wird zum Produzenten, man spricht von der Kultur der „Prosumer“. Wikipedia ist ein Beispiel, denn hier werden die Inhalte von den Nutzern geliefert. Zudem verändert sich auch der Fokus vom Produkt hin zum Prozess. Der Kunde, der User wird also immer stärker eingebunden und prägt das Produkt am Ende selbst.

 

Man kann sich nun fragen: Wird alles von der Digitalisierung erfasst? Viele Prozesse, lassen sich digital abbilden, und manche glauben, dass es zu einem totalen Übergang kommt. Mathematisch nennt man das einen Isomorphismus, also eine 1:1 Abbildung. Immer mehr Daten aus unserem Leben werden erfasst, gespeichert und ausgewertet und in der Rückkopplung beeinflussen diese Daten uns selbst: Wie stark prägt uns die digitale Welt? An diesem Punkt fängt es an wirklich spannend zu werden. Langfristig stellt sich die Frage, wenn ich zum Beispiel nach Spanien in den Urlaub fliegen möchte, ob dieses noch eine freie Entscheidung ist, oder ob dieser Wunsch unbewusst gesteuert wird. Es gibt inzwischen viele Strategen, die behaupten, dass 70% von dem, was Menschen kaufen durch die Wechselwirkung im Netz, durch die Information im Internet, geprägt wird.

Wenn wir die Schraube dann noch weiter drehen, kommen wir an einen Punk, wo Algorithmen in ihrer Mächtigkeit zu einem bestimmenden Faktor werden. Der Algorithmus versteht uns womöglich besser als wir es selbst tun. Verstärkt wird dieser Trend durch die Entwicklungen auf dem Feld der künstlichen Intelligenz: Google DeepMind hat vor nicht allzu langer Zeit einen sehr professionellen Go Spieler geschlagen, aber das ist nur die Spitze des Eisberges. Immer mehr Algorithmen beginnen prospektiv zu arbeiten und versuchen den nächsten Schritt des Users zu erahnen. 70% der Apps auf dem Handy sind so aufgebaut, dass sie im Vorfeld schon wissen was wir tun. Wenn Sie etwas auf Ihrem Handy tippen, weiß es schon ziemlich genau, was Sie tippen möchten. Die Frage ist: Was macht das mit uns. Werden wir immer kalkulierbarer, wird unser Verhalten immer vorhersagbarer? Reduziert sich unsere Freiheit und unsere Spontanität und werden wir womöglich immer mehr zu einer gesteuerten Gesellschaft? Der Trend der Digitalisierung greift auch auf Produktionsprozesse – Stichwort Industrie 4.0. Wenige Softwareunternehmen gewinnen eine immer größere Macht und womöglich werden sie uns eines Tages die Regeln diktieren. Darüber müssen wir uns Gedanken machen und zwar heute.

 

Nick Sohnemann hat heute Früh in seiner Keynote neue Entwicklungen und Produkte vorgestellt. Da war eine App dabei, die das Essverhalten der Menschen kontrolliert und zu lenken versucht, also sehr stark in das menschliche Leben eingreift. Was denken Sie, wer trägt global betrachtet für solche Entwicklungen die Verantwortung?

 

Zwei Sachen. Wenn man sich die Entwicklungen anschaut, dann muss man sich an irgendeiner Stelle eine Frage stellen. Wer innoviert für wen? Ich bin ein bisschen rotzig, aber ich sage, dass wir im Moment eine Entwicklung erleben, bei der eine reiche weiße Minderheit für eine reiche weiße Minderheit entwickelt. Es gibt etwas 75 anstehende Patente allein in Kalifornien, bei denen es um Apps geht, die Bilder auf dem Smartphone verändern können. Ich frage mich: Sind das die wichtigen Probleme dieser Welt? Im Moment lässt sich immer mehr beobachten, dass Apps in unser tägliches Leben eingreifen – egal ob es sich um unser Essverhalten handelt, unsere Bewegung, unsere Gesundheit und Fitness. Durch die vielen Daten ergeben sich dabei ganz neue Anwendungen. So arbeitet man z.B. an einer Früherkennung von Parkinson, die auf unserer Sprache basiert, also auf der Art wie wir reden, bestimmte Worte artikulieren usw.

Das bedeutet, dass wir in eine Phase kommen, bei der wir anhand dieser Daten, Dinge über uns erfahren, die vielleicht weiter gehen als das was wir wissen oder wissen möchten. Hieraus ergibt sich, dass alle diese Informationen unser Verhalten auch beeinflussen. Die Fitnessapp zwingt mich z.B. mich zu bewegen. Wir unterschätzen die normative Kraft: Die Tatsache, dass ich eine App habe, die mir sagt, wie viele Kalorien ich esse oder ob ich heute schon ausreichend Sport getrieben habe, führt dazu, dass ich zunehmend in einen Zugzwang komme. Hier ist es kulturell gesehen sehr spannend sich die folgende Frage zu stellen: Machen die Apps uns freier oder führen sie zu einem Zwang. Spätestens dann wenn z.B. eine Versicherung Rabatte anbietet, wenn sie auf solche Daten zurückgreifen kann landen wir in einer Falle. Dann joggen wir womöglich nicht weil es uns gut tut, sondern weil wir damit unseren Versicherungsbeitrag möglichst klein halten wollen. Das könnte auf Dauer dazu führen, dass wir Sklaven dieser Apps werden, weil wir ständig gesagt bekommen, was wir zu tun haben. Wer programmiert hier wen?

 

Das Neue löst das Alte ab und Informationen bekommen einen neuen Stellenwert – das sind zwei Ihrer Thesen. Was genau kann man darunter verstehen?

 

Nie zuvor wurden in der Geschichte der Menschheit so viele Daten produziert wie heute. Wir leben im Informationszeitalter, besser gesagt, hat das Informationszeitalter gerade erst begonnen. Wir müssen wissen, dass diese Informationen in den nächsten Jahren weiterhin explodieren, weil auch noch die Vielzahl der Apparate und Geräte Daten liefern. Diese Informationen werden der Schlüssel für ganz vieles sein. Sie werden diagnostisch für den Autohersteller der Schlüssel sein, um zu verstehen, welche Komponenten möglicherweise überarbeitet werden müssen. Sie werden ein Schlüssel sein für ein gesellschaftliches Miteinander, weil diese Daten uns in unserem Verhalten maßregeln. Das Auto, was ständig mein Fahrverhalten protokolliert, wird auf Dauer dazu führen, dass die Blitzgeräte auf den Straßen abmontiert werden können, weil die Polizei nur auslesen muss, wie mein Fahrverhalten ist. Manche denken sogar daran, Bargeld abzuschaffen. Damit opfern wir auch diese Freiheit der Anonymität und so würde alles transparent. Wollen wir das? Wir sollten jetzt darüber diskutieren, denn sonst werden Fakten geschaffen und ein Zurück ist kaum möglich. Das ist längst kein nationales Thema mehr.

Inzwischen ist es so, dass alle mit derselben Welt konfrontiert sind. Ich war gerade in Beijing. Dort läuft das genauso. Ich bemühte mich ein bisschen Mandarin  zu sprechen, aber inzwischen gibt es Apps, die das erledigen. Es gibt Apps, die das Gesagt aufnehmen und das Mobiltelefon antwortet in Mandarin. Solche Entwicklungen werden uns verändern. Müssen junge Leute noch eine Fremdsprache lernen oder haben wir irgendwann diese babylonische Gleichheit, dass wir mit Wildfremden über eine App kommunizieren und uns hoffentlich verstehen?

 

Was bedeutet das für Heranwachsende. Welche Kompetenzen brauchen wir für das Zusammenleben und wie sollte sich unter diesem Gesichtspunkt das Schulsystem ändern?

 

Die Entwicklung, die ich gerade skizziert habe wird von klugen Ingenieuren, Softwareleuten und Programmierern etc. gemacht. Was es braucht, ist die Kompetenz der Gestaltbarkeit. Was uns in Deutschland fehlt ist genau diese Kompetenz. In Deutschland können Sie das Abitur machen und keine Zeile programmieren und das in einer Welt, die so massiv geprägt ist von IT. Das ist ein sonderbarerer Widerspruch, dass wir auf der einen Seite sehr klar konstatieren, dass die Welt sich verändert und digital wird. Aber gleichzeitig akzeptieren wir ein Schulsystem bei dem diese epochale Entwicklung ignoriert wird. Noch kauft man die Kompetenz global ein, z.B. bei Firmen in Bangalore, doch auf Dauer sollten wir als Industrienation diese Kompetenz auch im eigenen Lande fördern. Im Moment haben wir in Deutschland das Problem, dass wir bei dieser Entwicklung abgehängt werden. Wir sind eher Betrachter, aber nicht Gestalter. Hier braucht es eine wirkliche Offensive und ich wünsche mir, dass wir alle aufholen. Wenn das nicht der Fall ist, werden wir bald den Status einer führenden Industrienation verlieren. Das wäre schade, denn wir haben eine tolle Tradition als Land der Ingenieure.

 

Wir sind ein familiäres Unternehmen und viele unserer Mitarbeiter haben Kinder. Was ist jetzt ein ganz praktischer Handlungstipp für uns als Eltern?

 

Da gibt es ganz viele Komponenten. Das fängt bei der Freiheit, die ein Kind braucht, an. Im Klartext: In meiner Kindheit durfte ich den ganzen Tag draußen spielen. Meine Eltern wussten nicht wo ich war. Ich kam nur manchmal mit einer mehr oder weniger schmutzigen Hose zurück. Heute ist es so, dass wir, durch die digitale Kommunikation geprägt, anfangen unseren Kindern eine sonderbare Unfreiheit aufzuerlegen. Wenn das Kind nach einer halben Stunde nicht mobil erreichbar ist, fängt die Mutter an Panik zu bekommen. Das ist kein guter Nährboden für Kinder. Daneben sollten wir unsere Kinder ermutigen nicht nur Konsumenten der Technik zu sein, sondern diese auch zu gestalten. Inzwischen gibt es tolle Softwaretools – z.B. die Programmiersprache „Scratch“ oder Hardware wie z.B. Raspberry-Pi. Damit hat die nachwachsende Generation die Möglichkeit schon sehr früh Erfahrungen zu sammeln und kreativ mit dieser neuen Technik umzugehen. Die Kinder müssen nicht alle Programmierer werden, aber sie sollen zumindest im Herzen das Gefühl haben: Ok, im Prinzip weiß ich wie das geht und kann das sogar selber machen. So lernt man in den Kategorien der digitalen Welt zu denken und kreativ damit umzugehen. Der Umgang mit diesem Neuen ist zentral. Das ist nicht einfach, weil wir keine Vorbilder haben. Das merken alle Familien, die Kinder haben. Eltern können nicht auf die Erfahrungen aus der eigenen Kindheit zurückgreifen, denn damals gab es weder Internet noch Smartphone. Wir werden also damit konfrontiert das Neue, mit all seinen positiven aber auch kritischen Facetten, selbst zu begreifen und zu reflektieren. Das ist nicht einfach, denn wir können auf keinen traditionellen Verhaltenskodex zurückgreifen, doch vielleicht ist es auch spannend, denn wir können uns die eigenen Regeln setzen.

 

Vielen Dank für diese aufschlussreichen Aussagen und Ihre Zeit, die Sie sich für uns genommen haben.

 

 

Sandra
Hofmann Head of Communications

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